Route 66 Arizona – Wir trödeln

Route 66 - die Reise unseres Lebens

Wir trödeln in Arizona

Und schon wieder ein neuer Tag auf der Reise unseres Lebens. Wir haben das Gefühl, die Zeit rennt. Leider. Wir sind immer noch in Arizona und halten die Etappen bewusst kurz. Arizona ist wirklich unser erklärter Lieblingsstaat. Heute liegt wieder eine kurze Strecke vor uns. Knapp 80 Meilen, Ziel ist Seligman, DER Place to be an der Route 66. Wie bei jedem Aufbruch fahren wir aber erstmal an den Anfang der 66, hier durch Flagstaff führt sie im Übrigen gut 14 Meilen durch. Das ist so viel, wie sie durch ganz Kansas führt!

Für einen kurzen Aufenthalt in Flagstaff können wir unser Motel Relax Inn absolut empfehlen. Die Zimmer waren frisch renoviert und liebevoll eingerichtet, wir wurden sehr nett empfangen und die Lage ist gut, zwar etwas ausserhalb aber immerhin direkt an der Route 66.

Flagstaff ist ein geschäftiges Städtchen. Zur Volkszählung 2020 lebten hier fast 77.000 Menschen, also nicht ganz so klein. Flagstaff liegt übrigens auf gut 2000 m Höhe, für uns kaum zu glauben bei den Temperaturen. In Europa würden wir wahrscheinlich auf der Höhe frieren. Aber wir haben tatsächlich morgen früh schon knapp 25 Grad bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit. Deshalb hält man es hier auch so gut aus. Dafür wird es hier im Winter wirklich klirrend kalt, und das Wintersportgebiet Arizona Snowball ist ziemlich beliebt. Manchmal fällt hier schon im Oktober der erste Schnee. Flagstaff heisst übersetzt Flaggenmast und der Name kommt wahrscheinlich von Siedlern, die auf ihrer Reise in den Westen den Unabhängigkeitstag feiern wollten und dafür einen Baum köpften, um die Flagge zu hissen. Sie zogen weiter, der Mast blieb stehen.

Flagstaff wurde 2001 zur ersten weltweiten Lichtschutzgemeinde, ist Sitz der Northern Arizona University und des Lowell Observatory, in dem an die Entdeckung des Planeten Pluto erinnert wird. Das passierte tatsächlich auch hier in Flagstaff! Und zum Observatorium wollen wir gleich hoch, der Ausblick auf die Stadt wird sehr empfohlen. Wir haben den Tipp von Traveling Robert, seine Videos verfolgen wir immer auf YouTube.

Bevor es zum Observatorium geht, halten wir am Amtrak-Bahnhof, an dem auch täglich der Southwest Chief hält. Das ist aber nicht der Grund für unseren Halt. Wir haben ein Date mit zu Hause. Hier gibt es nämlich eine Webcam und wir haben meinen Eltern versprochen, dort in die Kamera zu winken. Hat sogar funktioniert!

Vom Bahnhof aus gehen wir uns zu Fuss auf die Suche nach dem Schilderwald. Dieser Schilderwald kursiert immer mal wieder in Foren und Gruppen im Internet. Quasi ein geheimer Fotospot oder wie man das auch immer nennen mag. Aber halt so typisch für hier. Jetzt sind wir schon das 3. Mal in Flagstaff und haben es selbst noch nicht gesehen?! Und es steht an einer Stelle, an der wir schon xmal vorbei sind. Unglaublich, uns ist es nie wirklich aufgefallen. Aber jetzt!

Und dann geht es hoch zum Lowell Observatory, eine schöne Fahrt, aber wir sind mal wieder zu früh unterwegs. Denn das Observatorium hat noch geschlossen. War also nichts mit Pluto gucken. Aber die Aussicht am Scenic Point -die hat sich gelohnt! Danke nochmal an Travelling Robert!

Von hier geht es zum Frühstück ins Galaxy Diner. Absolute Empfehlung! Typisch, authentisch, amerikanisch. Wie aus einem Film. Eine Institution an der Route 66, der Empfang mehr als herzlich und das Essen wirklich super! Für unterwegs gab es dann ausnahmsweise keinen Coffee to go, sondern wir konnten uns unter fast 100 Milchshake-Varianten dann abschließend sogar entscheiden.

Kurz hinter Flagstaff verlassen wir schon wieder die I-40, um den üblichen Abstecher in den Harley Davidson Shop in Bellemont zu machen. Auch wenn wir keine Biker sind, faszinieren uns diese Maschinen. Hier waren wir natürlich auch 2018, und da hing dort ein Nummernschild aus unserer Heimatstadt Neuss. Ob es nach so vielen Jahren noch dort ist? Es ist! Der Shop ist ziemlichleer, nicht so viele Maschinen zum Bestaunen wie vor 4 Jahren. Der Pandemie geschuldet, wie uns die nette Kassiererin erklärte. Ein Souvenir musste natürlich sein. Aber keine Harley. Leider.

Ganz ehrlich: Die landschaftlich schönsten Abschnitte sind hier in Arizona. Finden wir. Nicht, weil sie in Arizona ausgerechnet sind. Sondern weil sie durch wunderschöne alpine Landschaften führt. Und diese Natur lieben wir ganz besonders.

Ein kurzer Stopp in Parks an dem alten General Store. Der steht hier nämlich mittlerweile über 100 Jahre und versorgt Reisende und Einheimische mit Lebensmitteln und dient als Poststation. Im Inneren war es einfach nur heiss, aber unheimlich liebe Menschen arbeiten dort. Neugierig auf jeden, der hier reinkommt. Vor lauter Gequatsche haben wir tatsächlich vergessen, zu filmen und Fotos zu machen. Aber unsere Fahne haben sie dort natürlich gerne signiert!

Wir kommen nach Williams. Zum 3. Mal. 2018 war unser erster Besuch, wir haben auf der Tour zum Grand Canyon hier übernachtet. Genau wie 2019 mit meinen Eltern. Williams war der letzte Ort, dessen Teilstück der Route 66 durch einen Interstate ersetzt wurde. Im Krieg 1984 und 1985 wurde die Route 66 offiziell abgeschafft. Landesweit. Einfach weg.

Williams wird oft als „Das Tor zum Grand Canyon“ bezeichnet, der Grand Canyon ist von hier nur eine gute Autostunde entfernt. Eine der Hauptattraktionen ist die historische Innenstadt, die die Besucher in die Zeit der Route 66 zurückversetzt. Hier finden Sie liebevoll restaurierte Gebäude, bunte Fassaden und eine nostalgische Atmosphäre.

Williams hat viel Sehenswertes, am schönsten finden wir aber den alten Bahnhof, von wo täglich die Züge zum Grand Canyon hochfahren. Da wir 2018 hier ausgiebig Sightseeing gemacht haben, sparen wir uns das heute. Denn Lust wirklich, durch den Ort zu schlendern, haben wir nicht, Williams ist ein absoluter Touristen-Hochburg und obwohl erst Donnerstag ist, ist es schon recht voll hier.

Eigentlich halten wir nur noch einmal in Williams, weil es hier gleich 2 Stempel in unserem Passport gibt. Und weil wir endlich mal das kleine Museum „Petes Gas Station“ sehen wollen. War die letzten beiden Male entweder schon oder noch zu. Also nichts wie hin…und was soll man sagen: es hat sich nicht wirklich gelohnt! Klar, einige sehenswerte alte Stücke, aber die sagen wir mal „Dame“ hinter dem Tresen war so unfreundlich und blaffte jeden an, da sind wir lieber schnell wieder raus, bevor wir auch noch ihr Opfer wurden.

Ganz ehrlich: Willimas ist nicht so unsere Welt. Klar, die Menschen leben hier vom Tourismus. Nur hier haben wir das Gefühl, dass die Route 66 als Mittel zum Zweck missbraucht wird. So wirklich zu identifizieren scheinen sich die Bewohner nicht mit der Motherroad, wie man es von anderswo kennt. Eher hat man das Gefühl, man wird an jede Ecke übers Ohr gehauen.

Aber wir drehen noch eine Runde durch den Ort, denn hier führt die Route 66 mitten durch. Und zwar als Einbahnstraße von West nach Ost! Das ist zwar für uns falsch rum – schließlich war der Originalverlauf immer von Ost nach West. Aber hier geht es leider nicht anders.

Und dann war es das endlich mit Willimas, wir fahren weiter in die richtige Richtung gen Westen unserem heutigen Ziel Seligman entgegen.

Wir fahren über den verschlafenen Ort Ash Fork, ursprünglich als Versorgungspunkt für die Eisenbahn gegründet, die die Region durchquerte. Die Stadt wurde 1882 offiziell gegründet und entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Knotenpunkt für den Güterverkehr. In der Blütezeit der Route 66 in den 1930er und 1940er Jahren war Ash Fork ein beliebter Zwischenstopp für Reisende auf dem Weg nach Westen.

Die Stadt wird auch das „Flagstone Capital of the World“ genannt, da sie eine große Rolle in der Produktion von Flaggenstein spielte, einem natürlichen Schiefergestein, das in der Baubranche weit verbreitet ist.

Obwohl Ash Fork vielleicht nicht so bekannt ist wie einige andere Städte entlang der Route 66, bietet sie dennoch Gelegenheit, die Geschichte und den Geist dieser legendären Straße zu erleben. Großartig rumspazieren möchten wir nicht mehr, denn es ist wahnsinnig heiß geworden und wir sind froh, wenn wir wieder im Auto sind. Auch wenn die Klimaanlage langsam aber sicher an ihre Grenzen stößt.

Die Route 66 führt uns durch eine sehr einsame Landschaft. Kaum zu glauben, dass das mal eine Hauptreiseroute war. Aber hier begegnen uns auch wieder die Minireime auf kleinen, roten aufeinanderfolgenden Schildern mit weißer Schrift. In Illinois haben wir sie ja auch schon entdeckt. War es damit auf sich? Nichts weiter als ein Werbetrick einer Firma für bürstenlose Rasiercreme – Burma Shave. Und heute Kult. Die Firma gibt es so heute natürlich nicht mehr, eine lange Geschichte, aber so bleibt sie irgendwie unvergessen.

Und dann sind wir in Seligman, ein kleiner, aber legendärer Ort, der als „Geburtsort der Route 66“ bekannt wurde.

Die Stadt Seligman hat sich bewusst dafür entschieden, den Geist der Route 66 lebendig zu erhalten. Sie ist berühmt für ihre bunte, retro-inspirierte Hauptstraße, die mit Vintage-Schildern, nostalgischen Souvenirläden und Restaurants im Stil der 1950er Jahre geschmückt ist. Das Flair der Route 66 ist allgegenwärtig, und die Bewohner von Seligman haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Tradition zu bewahren. Und sie leben sie. Nachdem 1985 die Route 66 „abgeschafft“ wurde, widmete der Bundesstaat Arizona 1987 aufgrund der Bemühungen der Handelskammer von Seligman die alte US Route 66 von Seligman als historische Route 66. Diese Widmung ermöglicht den Erhalt des längsten verbliebenen Abschnitts der alten Route 66 in den Vereinigten Staaten.

Eines der bekanntesten Wahrzeichen in Seligman ist Angel Delgadillo's Barber Shop. Dieser kleine Friseursalon wurde zum Zentrum der Bemühungen, die Route 66 zu erhalten und zu feiern. Hier können Besucher in die Vergangenheit eintauchen und die Geschichten des „Barbiers von Seligman“ hören. Angel Delgadillo, der hier geboren wurde, aufgewachsen ist und sein ganzes Leben lang hier gearbeitet hat, ist „der Schutzengel der Route 66“. Und Angel lebt noch heute in Seligman und erfreut sich Gott sei Dank bester Gesundheit. Wir haben ihn 2019 getroffen. Er hat meinen Vater und Thomas rasiert, ganz nach alter Manier und das in dem hohen Alter. Er hat uns viel aus seinem Leben erzählt und wir sind wirklich dankbar, diese tollen Menschen kennengelernt zu haben. Sein Laden wird heute noch von seiner Familie betrieben, Angel ist nun endgültig im Ruhestand und den geniesst er. Als wir in den Laden kamen, hat uns sein Schwiegersohn wiedererkannt und wir haben uns lange unterhalten. Das ist so schön…hier gehen jeden Tag so viele Menschen ein und aus, und man wird aufgenommen, als ob man nur kurz draussen war. Wir waren fast 3 Jahre draussen! Wir freuen uns, wenn wir die Familie Delgadillo in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft noch einmal treffen.

Seligman ist ein Ort, der den Geist der Route 66 lebendig hält. Es ist ein Muss für Reisende, die sich für die Geschichte der amerikanischen Straßenkultur interessieren und den Charme der alten Route 66 erleben möchten.

Und noch eine Institution ist Pflichtprogramm in Seligman. Westside Lilos! Lilo hat vor vielen Jahren einen amerikanischen Soldaten namens Pat in Deutschland kennen und lieben gelernt. Und ist von Wiesbaden hierher nach Seligman gezogen. Bei Lilo gibt es neben amerikanischen Leckerbissen auch noch gute deutsche Küche. Und Kuchen. Dafür ist sie weithin bekannt. Auch hier hat man uns wiedererkannt und wir wurden von Bridget, der Kellnerin, so herzlich begrüsst wie alte Freunde. Lange haben wir mit Lilo's Mann Pat gesprochen und gelacht, ein herzlicher und freundlicher Mensch und er hat sogar ein bißchen deutsch mit uns gesprochen. Einer unserer liebsten Momente auf der Route 66, die diese Reise so geprägt haben. Pat verstarb leider etwa 3 Wochen nach unserem Besuch.

Lilo selbst begrüßt ihre Gäste herzlich und freundlich und immer persönlich mit Handschlag und hat immer einige freundliche Worte für jeden, der bei ihr Gast ist. Wir hatten 2019 Autokennzeichen mitgebracht und ihr geschenkt. Sie hatten sich total über das Mitbringsel aus der alten Heimat gefreut und die Kennzeichen hängen hier noch. Durch Zufall saßen wir genau an dem Tisch davor. Ja, Seligman ist schon wieder so ein kleines Heimkommen. Wir lieben diesen Ort und die Menschen. Und genieße die Zeit hier wahnsinnig.

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