Route 66 Reise – Begegnung der besonderen Art

Route 66 - die Reise unseres Lebens

Eine begegnung der besondern Art

Wir sind früh wach, ausgeschlafen und starten heute Richtung Albuquerque, unserem nächsten Ziel. Doch vorher machen wir noch ein wenig Earlybird-Sightseeing. Wir haben Santa Fe fast für uns alleine. Kein Wunder, es ist gerade mal halb sieben!

Wir haben das Super 8 Motel zum Übernachten ausgewählt, der Preis war akzeptabel und die Lage zur Historic Downtown super! Ansonsten nichts weltbewegendes, aber sauber und freundlich. Eine gute Wahl für 1-2 Nächte.

Zuerst fahren wir zur Loretto-Chapel, eine der bekannten Sehenswürdigkeiten in Santa Fe. Die Kapelle wurde von den Loretto-Schwestern 1873 in Auftrag gegeben, daher der Name. Bekannt ist die Kapelle vor allem für ihre spiralförmige Wendeltreppe, die auch die wundersame Treppe genannt wird. Um diese Zeit können wir die Kapelle aber nur von außen betrachten. Schade. Earlybird hat eben auch seine Nachteile.

Weiter geht es zu dem angeblich ältesten Haus der USA. Angeblich, weil das ursprüngliche Baudatum nicht bekannt ist. Ein Großteil des Gebäudes stammt aber vermutlich aus der spanischen Kolonialzeit nach 1610. Das Gebäude wurde allerdings archäologisch untersucht und man kam zu dem Schluß, daß einige Mauerabschnitte charakteristisch für die Pueblo-Architektur sind und somit möglicherweise vorspanischen Ursprungs.

Kein Besuch einer Hauptstadt ohne einen Besuch zumindest vor dem Capitol. Santa Fe ist die älteste Hauptstadt der USA. Das heutige New Mexico State Capitol ist das einzig runde Capitol Building in den USA und bekannt als Roundhouse. Es hat keine Kuppel sondern ein Flachdach. Rein kommen wir noch nicht, auch hier sind wir zu früh...

Im Nachhinein wundern wir uns, daß wir an diesem Morgen so ohne weiteres mehr oder weniger vorfahren konnten, auch wenn es noch so früh ist. Warum? Das wird sich später in Albuquerque klären! Auch daß es gut ist, die Route 66 heute außen vor zu lassen, hat damit zu tun. Die wäre nämlich gesperrt gewesen!

Wir hatten sowieso vor ein paar Tagen beschlossen, durch die Berge zu fahren und nicht über die Route 66. Wir nehmen also den Turquoise Trail für den Weg nach Albuquerque. Ein Scenic Byway, der immer wieder empfohlen wird. Zu Recht, wie wir feststellen müssen. Eigentlich war der  Turquoise Trail für uns ein Zufall, führt er doch durch Madrid. New Mexico natürlich. Und da wollen wir hin. Sagt jemandem der Film Wild Hogs was? Der deutsche Titel ist "Born to be wild saumässig unterwegs". Da wurde einiges von in Madrid gedreht!

Heute ist Madrid ein Dorf mit knapp 300 Einwohnern. In den 1830er Jahren war Madrid eine Bergbaustadt. Kohle. In den späten 1940er Jahren liess die Kohlenachfrage nach, 1954 wurde der Bergbau eingestellt. Die meisten Familien zogen weg, Madrid wurde zur Ghosttown. In den 1970er Jahren siedelten sich Künstler hier an, heute ist Madrid eine kreative Gemeinde mit Galerien, Geschäften, einem Museum und Gastronomie. Und trotzdem nicht allzu touristisch. Aber sehr sehr schön. Wir haben eine entspannte Zeit hier, geniessen den frisch gebrühten Cafe und die Gastfreundschaft bei Live-Musik im Java Junction. Ein wunderschöner Start in den Tag. Madrid? Jederzeit wieder!

Von Madrid aus wollen wir zum Sandia Peak. Quasi der Hausberg von Albuquerque. Und über 3000m hoch! Haben wir in Europa bisher nicht geschafft, also nehmen wir doch gerne unseren ersten 3000er hier!

Weiter über den Turquoise Trail sollte es planmässig zum Sandia Crest House hoch gehen. Doch heute läuft ab jetzt gar nichts mehr planmässig. Die Straße ist nämlich gesperrt, in der Gegend gibt es immer wieder Wildfire, kein Wunder bei der Hitze und der Trockenheit.

Wir entschliessen uns zu einer Gondelfahrt und die startet in ABQ. Die Sandia Peak Tramway startet auf knapp 2000m Höhe und ist tatsächlich eine der längsten Seilbahnen der Welt. Die Fahrt dauert eine gute Viertelstunde und dabei überwindet man auf knapp 4 Kilometern einen Höhe von 1200m. Hier oben sind noch angenehme knapp 26°C und eine leichte Brise. Und man hat eine schöne Aussicht. Es gibt ein Restaurant, wer Lust hat, darf gerne hinabwandern. Mehr ist da oben leider nicht. Also nehmen wir die nächste Gondel wieder hinunter.

Die Gondelfahrt führt über den TWA-Canyon, wie der Bereich genannt wird. Hier stürzte am 19.02.1955 TWA Flight 260 um 07:13 morgens mit 13 Passagieren und 3 Bestazungsmitgliedern an Bord ab. Niemand überlebte. Je nach Lichteinfall kann man teilweise noch Trümmerteile erkennen, die am Berg bealssen wurden. Die Absturzursache wurde nie so ganz geklärt.

Manchmal sollte man doch etwas genauer hinhören, wenn sich Leute unterhalten. Macht man aber nicht, also konnten wir uns aus Bruchstücken nicht viel zusammenreimen. Der Gondelführer erklärte nämlich, daß er jedem Tourist raten würde, sich Santa Fe anzusehen, außer heute! Warum? Konnten wir uns nicht erklären. Auch das mal der Name Biden fiel, machte uns nicht wirklich stutzig. Jeder redet ja mal über Politik.

Und dann nahm das Chaos seinen Lauf. Wir wollten ursprünglich erst ins Hotel, um dann die Route-66-Sehenswürdigkeiten um ABQ abzuklappern und dann den Abend in der historischen Altstadt ausklingen zu lassen. Und dann kam die erste Strassensperre. In alle Richtungen. Außer zurück. Ging nicht anders, unterwegs durften wir sehen, wie schnell ein Wildfire entsteht, da war vor einer Viertelstunde noch nichts! Aber es hoelten bereits andere Autos und mit feuerlöschern bewaffnet versuchte man, dem Feuer schnell einen Garaus zu machen. Quasi fast mitten in der Stadt...

Umwege in den USA können sehr lang sein. Dieser wurde sehr sehr lang. Vor allem zeitlich! Richtung Innenstadt wurde der Verkehr immer mehr. Ok, Samstag. Dachten wir. Mittlerweile zeigte unser Navi, daß sämtliche Wege Richtung Motel gesperrt oder voller Staus sind. Also umdisponiert, der Campground an der Route 66, wo wir sowieso wieder einen Stempel für unseren Passport abholen wollen, scheint erreichbar. Wir fahren – besser stauen – uns weiter Richtung Interstate. Und immer wieder Strassensperren. Nicht einfach barrikaden. Sondern voller Polizei. Was geht ab in Albuquerque? Langsam wurde uns das Ganze etwas suspect. Dann lief der Verkehr zügig, wir sind auf der Interstate 40 gelandet. Uns fiel aber auf, daß die komplette Gegenspur leer war. Da muss sicher ein großer Unfall passiert sein. Deshalb die ganzen Sperrungen. Aber so weitläufig? Und dann sehen wir die ersten Blaulichter. Aber die stehen nicht, die Fahrzeuge kommen auf der Gegenspur auf uns zu! Und dann fallen uns die Augen aus dem Kopf! Eine riesige Eskorte, dazwischen immer wieder große schwarze Wagen, Krankenwagen, Feuerwehr…Ladies und Gentleman, The President Of The United States! Da durchkreuzt kein geringerer als der sogenannte mächtigste Mann der Welt einfach unseren so sorgfältig ausgearbeiteten Tagesplan! Holladie Waldfee! Damit hätten wir nie im Leben gerechnet. Somit machen die Bruchstücke der Unterhaltung in der Seilbahn Sinn. Wie wir später herausbekommen haben, landete Biden in ABQ und fährt nach Santa Fe ins Capitol, es geht um die vielen Wildfire! Ein Wunder, daß wir heute morgen so einfach dorthin konnten, es war dort alles zugänglich, nichts gesperrt.

Die Strecke, die wir nach ABQ gefahren wären, wenn wir die Route 66 genommen hätten, war wegen der Eskorte gesperrt. Gut, daß wir uns gestern Santa Fe angesehen haben, dort soll es mehr Sperrungen und mehr Chaos gegeben haben wie in ABQ.

Die armen Menschen, die hier in diesem Stau bei der Hitze stehen tuen uns leid.

Hoffentlich löst sich der Verkehr bald auf! Und nach all dem sagen wir mal präsidentellen Chaos sind wir wieder da, wo wir die ganze Zeit hinwollen – auf der Route 66! Auf Umwegen, ja. Aber immerhin. Soviel zum Thema Theorie und Praxis. Glaubt mal, ab dem Tag haben wir VORAB geschaut, was am nächsten Ziel bzw auf dem Weg dorthin wieder los sein könnte.

Und an diesem schönen Campingplatz haben wir es fast bereut, ein Hotel gebucht zu haben. Diese wunderschönen alten Wohnwagen hätte man für eine Nacht mieten können. Camperherz, was willst Du mehr? Aber leider – nach dem Tag wollten wir wirklich keine Pläne mehr umwerfen.

Der Besitzer war übrigens süss. Voller Stolz erzählte er uns, daß sein Vater vor vielen vielen Jahren in Deutschland war und auch einen Roadtrip auf der Autobahn gemacht hat…hm? Auf unsere Frage, auf welcher denn, war er etwas überrascht. „Na auf DER Autobahn“ war seine Antwort. Ok, hier gab es wohl ein Missverständnis aufzuklären. Wir sagten, daß es in Deutschland viele Autobahnen gäbe. Er schaute noch irritierter und meinte „ja die Autobahn die in Deutschland sowas ist wie die Route 66.“Nachdem wir ihm sagten, daß die deutsche Autobahn in den USA mit den Interstates vergleichbar seine, brach er in schallendes Gelächter aus. Er selbst war noch nie in Deutschland und sein Vater hätte jedem so stolz erzählt, daß er in Deutschland die Autobahn gefahren sei, daß jeder denken musste, es ist eine genauso historische Strasse wie die Route 66. Ja, solche Anekdötchen gehören auch zu unserer Reise und machen sie so einzigartig.

Wir verabschieden uns herzlich und dann machen wir uns auf das letzte Stück für heute. Unser Motel ganz in der Nähe der Historic Old Town Albuquerque wartet auf uns und ganz ehrlich – für heute haben wir die Nase voll vom Fahren. Und dann werden wir auf eine Art und Weise überrascht, mit der wir in den USA und vor allem hier mitten im tiefen New Mexico nie gerechnet hätten. Wir checken ein...und werden nach einem blick auf unseren Pass in perfektem Deutsch begrüsst! Die Dame, die das Hotel betreibt ist ursprünglich Rumänin, lebt seit über 20 Jahren in den USA und hat in der Schule deutsch gelernt. und das beherrscht sie heute noch. Und zwar akzentfrei! Ihr Bruder lebt tatsächlich auch in Deutschland und mit dem telefoniert sie jede Woche. Und die beiden reden Deutsch miteinander, nicht rumänisch. Sachen gibt es...

ABQ ist DER Drehort der Serie Breakin Bad. Im Hinblick auf unsere Reise haben wir versucht, mal reinzuschauen. Aber…nach 1 ½ Folgen aufgegeben, nicht unser Genre. Aber ABQ lebt damit. So ist es kein Wunder, daß uns die Serie immer wieder begegnet. Im Nachhinein haben wir irgendwann nochmal den Versuch gewagt, Breakin Bad zu schauen...und haben sie nicht nur einmal durchgesuchtet. genau wie Better Call Saul. und wir können uns heute noch in den Allerwertesten kneifen, dass wir seinerzeit nicht "durchgehalten" haben. Aber so haben wir einen Grund, irgendwann nochmal in diese schöne Stadt zu reisen.

ABQ hat eine schöne kleine historische Altstadt, fast noch ein wenig schöner als Santa Fe. Aber nur ein bißchen. Historic Old Town war das erste Viertel in ABQ. Über 300 Jahre alt und heute noch so ziemlich der Dreh- und Angelpunkt. Man kann hier wirklich entspannt bummeln und wir haben uns viel Zeit gelassen. Es war windig aber ziemlich warm und uns war nach einer Abkühlung. Da wir uns für keine Sorte in der kleinen Brauerei entscheiden konnten, machten wir einfach ein Biertasting. Lecker und erfrischend, die lokalen Biere sind wirklich zu empfehlen. Das fand sogar ich, die eigentlich kein Bier mehr mag. 

In der Altstadt gab es einen gar nicht so kleinen Laden mit wunderschönen Holzarbeiten. Normalerweise nicht unser Genre. Kunst ist halt so eine Sache. Aber mir hat es ein kleiner Kolibri angetan. Es ist eine so filigrane Arbeit, dass wir sie erst einmal nicht kaufen wollten, aus Angst, sie könnte beim Transport kaputt gehen. Aber es liess mir keine Ruhe. Also bin ich nochmal hin...der Laden wird von einer mexikanischen Familie betrieben. Die kleine Skulpturen werden von Hand gefertigt. Mit Zertifikat! Ich fragte, ob sie die Skulptur so sicher verpacken konnten, dass sie heile in Deutschland ankommt. Deutschland??? Der junge Mann, der für den Verkauf zuständig war, war sehr überrascht. Er bat mich in den hinteren Teil des Ladens, der voller Teppiche war und er brachte meinen kleinen Kolibri in ein Hinterzimmer und ich hörte, wie er scheinbar erzählte, wohin der kleine Kolibri fliegen soll. Ich kann kein spanisch. Er bedeutete mir, kurz zu warten und unterhielt sich mit mir. Dass wir die Route 66 bereisen hat ihn beeindruckt. Ausser Albuquerque und das Umland und Mexico kennt er nichts, obwohl er schon 15 Jahre in den USA lebt. Mit seiner Nonna und dem Rest der Familie. Dabei zeigt er auf das Hinterzimmer. Nun kommt eine ganz alte Dame, scheinbar seine Nonna, aus dem Hinterzimmer und schaut mich warmherzig an. Sie legt mir ein kleines Päckchen in die Hand. Der junge Mann erzählte ihr auf spanisch scheinbar von unserer Reise, da legte sie mir die Hand auf die Wange und sagte „Él está bendecido y debe protegerlos en su viaje y traerles solo felicidad durante toda su vida.“ Zugegeben, ich habe kein Wort verstanden. Der junge Mann zeigte auf mein Handy. Aha, Google-Translator. Na toll, hätte ich eher drauf kommen können. Die Nonna sprach es langsam nochmal in mein Handy. Dank Screenshot kann ich es hier richtig abschreiben... und festhalten, was sie mir so liebevoll mit auf den Weg gegeben hat: "Er ist gesegnet und muss sie auf ihrer Reise beschützen und ihnen ihr Leben lang nichts als Glück bringen." Ja, ich gebe zu, ich war gerührt. Die wenigen Dollar für meinen Kolibri hatte ich schon lange bezahlt. Aber er ist für mich bis heute unbezahlbar! Ich verabschiede mich und verstaue meinen wertvollen Schatz in meiner Tasche. Und der Kolibri ist heile angekommen und steht in unserem Regal. Jeden Tag erinnert er uns an diesen Moment in Albuquerque.

Leider hat ABQ nicht den allerbesten Ruf und auch unsere Gastgeberin im Motel meinte, es ist zwar eine sichere Gegend aber es ist immer besser, vor der Dunkelheit zurück zu sein, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Nob Hill mit all den Neonsigns ist am Wochenende nicht befahrbar und das Chaos heute Mittag hat uns geschafft. Also, husch husch ins Bett, morgen geht es weiter nach Gallup.

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