Route 66 - die Reise unseres Lebens
Endlich wieder Flagstaff
Früher Morgen in Holbrook, AZ. Das Brad's Desert Inn kann man schon empfehlen. Die Zimmer sind originell gestaltet und man schläft direkt an der Route 66. Und wie an der Route 66 üblich, führt ja die Bahnstrecke quasi direkt daran vorbei. Und da hat man schonmal das Gefühl, sie rattert mitten durchs Zimmer. Da erklären sich die kostenlosen Ohrstöpsel an der Rezeption. Thommy war dadurch ein paarmal wach und gegen den frühen Morgen wollte er mal Luft schnappen. Und dann fällt die Tür zu! Schlüssel hatten wir nur einen und der lag natürlich im Zimmer. Und ich habe tief und fest geschlafen. Der arme Kerl hatte sich ausgesperrt! Aber er hat die Zeit genutzt und Kaffee organisiert. Ich wurde irgendwann durch ein leises dauerhaftes Klopfen geweckt und da steht mein Mann mit zwei dampfenden Bechern vor der Tür. Wir lachen heute noch darüber, aber wir sind trotzdem entspannt und dafür früh in den Tag gestartet.
Wir drehen eine Runde durch Holbrook, dazu waren wir gestern nach dieser Mordsfahrt und der Hitze nichts mehr fähig. Wir fahren an den Anfang der 66 und machen einige Stopps. Und es wird schon wieder heiß, morgens um 8!
Holbrook ist nett und hier gibt es eine besondere Attraktion: Hier gibt es noch eines der sehr selten gewordenen Wigwam-Motels und es ist sogar noch in Betrieb. Man schläft in Tipi-förmigen Gebäuden aus Beton, parkt direkt davor…viel Komfort gibt es nicht und trotz Klimaanlage staut sich hier wohl die Hitze, wie uns andere Reisende berichteten. Dafür sind die Nächte hier relativ teuer, man zahlt auch für das Erlebnis. Deshalb hatten wir uns dagegen entschieden. Aber bewundern kann man diese Motels, was auch gegen eine Nacht hier für uns sprach. Klar haben wir uns alles angesehen, aber es gibt Benehmen und Benehmen. Wir respektieren die Privatsphäre der dortigen zahlenden Gäste. Deshalb von uns auch keine Fotos aus dem Inneren der Wigwams. Andere Touristen waren da nicht so zurückhaltend. Leider. Da fängt Fremdschämen an. Naja,…
Wir verlassen Holbrook und freuen uns auf unser heutiges Ziel Flagstaff, AZ. Schon bei unserem ersten Besuch 2018 haben wir uns in dieses kleine Städtchen verliebt. Unterwegs gibt es ein paar Stopps, aber die Strecke ist heute mit knapp 100 Meilen überschaubar. Wir möchten gerne noch einen kleinen Abstecher nach Sedona machen. Durch Arizona, unser eigentlich liebster Bundesstaat, lassen wir uns ein wenig Zeit und die Strecken sollen kurz bleiben. Vieles kennen wir bereits, aber eben noch nicht alles.
Wir kommen nach Joseph City, übrigens Arizonas ältesten Mormonensiedlungen. The Jack Rabbit Trading Post ist eine kleine Berühmtheit an der Route 66. 1949 gegründet ist es heute noch ein Supermarkt und Souvenirladen, berühmt durch seine Werbetafeln von Missouri bis hierher in Arizona. Auf den Tafeln ist ein Hase abgebildet und die Entfernung vom jeweiligen Werbeschild bis zur Trading Post. Und hier in Joseph City steht natürlich drauf „Here it is“ – hier ist es!
Immer wieder sind wir fasziniert von den amerikanischen Zügen. Mehrere Loks, doppelt gestapelter Trailer – bei uns undenkbar. Der Southwest Chief begleitet uns immer wieder, denn er fährt die Zugfernstrecke Chicago – Los Angeles. Er fährt die über 3500 km lange Strecke täglich, die Fahrzeit beträgt nach Fahrplan 43,5 Stunden. Der Southwest hat immer die Nummer 3 für den westwärts fahrenden, die Nummer 4 für den ostwärts fahrenden Zug.. Und natürlich werden nicht nur Güter transportiert, der Southwest ist auch ein Reisezug.
Hier in Winslow AZ halten wir erst einmal am 9/11 Remembarance Garden. Das Herzstück sind echte Trümmer des World Trade Centers, die größten Stücke, die einer Gemeinschaft im Land geschenkt wurden. Ein berührender Ort.
Berühmt ist Winslow für „The Corner“. Die Ecke. Und zwar die, aus dem Lied der Eagles „Take it Easy“. Die Legende nach war der Sänger und Songwriter Jackson Brown auf der Route 66 unterwegs nach Sedona und hatte eine Autopanne. Und er steht an einer Ecke und wartet auf den Abschleppwagen. Die Stadt Winslow hat das Lied angenommen und den Park zum Gedenken geschaffen. Und schon entstand diese Attraktion. Das Haus an der Ecke ist übrigens kein Haus, sondern nur eine Fassade. Aber ein absolutes Muss auf der Route 66.
Winslow gefällt uns. Wir lieben diese typisch amerikanischen kleinen Städte. Schöne Häuschen, und dazu diese rote Erde…ja, das hat was.
Nach einem Stopp am Visitor Center und einem weiteren Stempel nähern wir uns immer mehr Flagstaff. Wir halten an den berühmten Twin Arrows. Zwillingspfeile. In den späten 1940er Jahren entstand hier ein Handelsposten. Damals hieß er Canyon Padre Trading Post. Lief aber nicht so gut. Der Besitzer nannte ihn um in Twin Arrows Trading Post, es kam eine Tankstelle hinzu und es wurden diese beiden Pfeile von fast 8m Länge aufgestellt. Weithin sichtbar und der Trading Post florierte. Dann kam die I40, die Route 66 wurde kaum noch befahren und das Geschäft ging so weit zurück, bis Twin Arrows Trading Post 1995 endgültig geschlossen und aufgegeben wurde. Jetzt ist es ein richtiger Lost Place. Erschreckend und irgendwie schön zugleich. Ok, Vandalismus tut sein Übriges. Anfang 2022 brach einer der Pfeile ab und liegt heute neben dem noch Stehenden. Leider ist es in der heutigen Zeit unglaublich schwer, eine so alte Attraktion zu erhalten. Schade. Aber wir waren wenigstens mal da. Den kleinen Ausflug nach Two Guns sparen wir uns. Es war auch mal ein Handelsposten, sogar mit einem Zoo. Heute alles Ruinen, nachdem 1971 die Tankstelle abbrannte und wohl nie wieder aufgebaut wurde.
Und wir kommen immer mehr in eine andere Landschaft. Flagstaff liegt ziemlich hoch und es wird hier schnell alpin. Die Ausläufer der berühmten Rocky Mountains. Im Winter ist Flagstaff ein gut besuchter Wintersportort und ab ca. Ende September/Anfang Oktober kann man manchmal schon Schnee auf den Spitzen des San Francisco Peak sehen.
Wir lieben Flagstaff seit unserem ersten Besuch 2018. Aber heute war uns doch ein wenig mulmig. 3 Tage vor unserer Reise nach Flagstaff brachen 6 Meilen nördlich von Flagstaff 3 gemeldete Waldbrände aus, hunderte Menschen mussten evakuiert werden, viele Hektar Land fielen den Flammen zum Opfer. Vom Anblick der Zerrstörungen blieben wir verschont, aber der Himmel über Flagstaff war vom Rauch ziemlich bedeckt und der Brandgeruch war klar zu riechen. Soweit wir wissen, gab es aber Gott sei Dank keine Todesfälle. Wir hätten dort sonst nicht ruhig Gewissens Urlaub machen können.
Unser Ziel für heute ist schon schnell erreicht, aber wir machen noch unseren Abstecher nach Sedona. Wir nehmen die I17 und fahren dann auf den Red Rock Scenic Byway. Man nennt es auch das Museum ohne Mauern, denn hier erwartet einen ein traumhafter Ausblick auf die wunderschönen roten Felsen von Sedona.
Sedona hat uns schon 2018 auf dem Weg zum Grand Canyon gut gefallen, die wunderschönen roten Felsen zum Greifen nahe. Aber es war nur ein kurzer Stopp. Außerdem mussten wir sie noch einmal besuchen, denn wir haben eine Hauptattraktion nicht gesehen. Kapelle des Heiligen Kreuzes. Eine kleine Kapelle auf einem der roten Felsen. Wunderschön und die Mühen des kleinen Aufstiegs wert – auch bei der Hitze. Und die Aussicht war natürlich auch nicht zu verachten. Wir lieben dieses kleine Fleckchen Erde, und wenn wir in der Nähe sind, ist ein Stopp schon obligatorisch.
Sedona ist nicht nur eine kleine Stadt mit Charme, es ist auch eine Künstlerkolonie. UND. Sedona wird auch „Beverly Hills on the rocks“ genannt, denn die Kulisse diente schon in einigen Hollywoodfilmen als Hintergrund. Sedona ist ein wahres Naturparadies, man erkundet die Gegend zu Fuß, mit dem Mountainbike und dem Auto. Jeeptouren führen in die roten Felsen, wer mag, kann auch mit dem Heißluftballon einen spektakulären Ausblick genießen. Sedona hat viel zu bieten und unsere Zeit hier ist mal wieder viel zu kurz…also ein Grund mehr, hier in Zukunft mal ein paar Tage zu verbringen. Wir müssen auch NOCHMAL hierher. Es gibt wirklich schlimmeres. Auch wer mal in diese Ecke kommt, ein Stopp lohnt sich. War uns allerdings etwas nervt…die Parkbuchten im Ort. Das vermiest den Blick etwas. Man muss nicht unbedingt bis in jeden Shop fahren können. Unsere Meinung.
Von Sedona aus geht es auf den nächsten Scenic Bywy, den gut 20 Meilen langen Oak Creek Canyon Scenic Drive. Unser Weg nach Flagstaff zurück. Wie 2018. Leider diesmal mit Baustellen gespickt, was aber unsere Freude, wieder hier zu sein, kein Abbruch tut.
Wir sind in Flagstaff, unserem heutigen Ziel. Und wir sind nicht zum ersten Mal hier. Aber immer wieder glücklich, hier zu sein. In Flagstaff haben wir uns von Anfang an rundum wohl gefühlt. Und wir freuen uns auf unseren abendlichen Bummel, denn das ist für uns Premiere.
Natürlich ist auch hier die Route 66 Thema, wenn auch nicht so extrem wie in manchen anderen Orten.
Wir machen einen Abstecher zum legendären Museum Club. Gerade erst wieder eröffnet, was ein Glück. Davon haben wir im Radio gehört. Ursprünglich war der Museum Club ein Museum für ausgestopfte Tiere, 1931 gegründet von einem Tierpräparator namens Dean Eldridge, der sich hiermit einen Kindheitstraum erfüllte. Damals angeblich die größte Blockhütte der Welt. Was auch sonst. Nach seinem Tod wurde aus dem Museum 1936 ein Nachtclub, der ein voller Erfolg war. In den 1950er Jahren verkam der Club zu einer wilden Kneipe, nicht mit dem besten Publikum und nicht mit dem besten Ruf. 1963 wurde aus dem Museum ein Country Club eröffnet, der von dem neuen Besitzer Don Scott und seiner Frau Thorna eröffnet wurde. Er und seine Frau nahmen ein tragisches Ende: Thorna stürzte eines Abends die Treppe herunter und brach sich das Genick, Don hat das nicht verkraftet und erschoss sich vor dem Kamin. Und sie sind heute noch da. Aus dem Obergeschoss, in dem Don und Thorna lebten, sind oft Schritte zu hören, Lichter flackern, Stühle wackeln von alleine hin und her und im Kamin werden Feuer angezündet, wenn niemand in der Nähe ist. Thorna soll sogar manchmal sichtbar sein…
Sehenswert ist der Museums Club, der heute als Country- und Roadhouse betrieben wird, auf jeden Fall. Wir sind sehr nett empfangen worden und uns wurde vom Barkeeper die eben erwähnte Geschichte erzählt. Sichtlich stolz. Ein Stopp lohnt sich, allein um den Club anzusehen. Aber…heute hat es auch noch etwas aus den 1950er Jahren. Das Publikum. Unfreundlich war niemand, im Gegenteil…aber…naja, wohlgefühlt haben wir uns wegen der obskuren Gestalten vor dem Tresen dort nicht. Wir sind nach dem netten Gespräch und einem kühlen Getränk auf jeden Fall weiter.
Wir wollen heute einfach nur noch Flagstaff genießen, und das haben wir. Ein obligatorischer Stopp an der Dampflok und dem historischen Bahnhof, und dann einfach nur durch die Straßen schlendern, die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Wir wussten nicht, dass Wochenmarkt ist. Natürlich lassen wir uns den nicht entgehen.
Wir bekommen nach einer gewissen Zeit im Ausland Gelüste nach uns Bekanntem. Kennt sicher jeder…Bei uns ist es Brot mit knuspriger Kruste. Am liebsten noch mit Leberwurst. Das Brot gab es auf dem Markt und was soll ich sagen? Es hat sagenhaft geschmeckt, wir haben uns gefreut wie kleine Kinder.
Zum Ausklang ging es wieder in die Flagstaff Brewing Company, wo wir 2018 schon waren. Es fühlt sich einfach gut an. Flagstaff ist so weit von Deutschland entfernt, aber hier fühlt es sich für uns jedesmal einfach ein bißchen nach zuhause an. Hatte ich erwähnt, dass wir Flagstaff lieben? Und so geht ein schöner Tag an einem für uns sehr schönen Ort zu Ende.