Route 66: Ankunft in New Mexico – Tucumcari

Route 66 - die Reise unseres Lebens

Und schon sind wir in New Mexico

Bewölkter Himmel, aber kalt ist es nicht, als wir das kleine, aber schöne Shamrock in Texas verlassen.

Frisch gestärkt mit der für die USA üblichen Frühstückswaffel – natürlich in Texasform!

Ja, die Texaner lieben ihren Staat – vllt etwas vergleichbar mit den Kölnern. Texas verewigt die Form des Staates auf alles was geht – ähnlich wie die Kölner ihren Dom. Den haben wir übrigens auch schon als Waffel gegessen...

Vor uns liegt die mit 220 Meilen längste Etappe auf der Route 66.

Wir verlassen nicht nur Shamrock, heute Abend werden wir den Lone Star State auch durchquert haben und schon in New Mexico sein. So langsam kommen wir auch aus der Tornado-Alley raus, und wir sind immer noch beeindruckt, wie gut das Warn- und Schutzsystem hier ausgebaut ist! Immer wieder haben wir Hinweise entdeckt, die zu öffentlich zugänglichen Shelter -sowas wie Schutzbunker- leiten. An vielen Stopps gab es verschiedene Schutzmöglichkeiten als Tipps für unsere Weiterfahrt. Auch eine Raststätte, an der wir kurz halten: Klar fanden wir die Grills in Texasform witzig – Texas halt. Aber, und deshalb unser Halt: Diese Raststätte wird auch in vielen Reiseführern extra als Tornadoshelter erwähnt für den Fall der Fälle. Das komplette Gebäude ist ein Schutzbunker für viele Menschen. Wir hoffen, dass er nicht oft benötigt wird.

Unser erster Stopp ist Groom. Wir erhaschen einen Blick auf einen schiefen Wasserturm.

Hier war früher ein Truckstop und Restaurant. Ralph Britten, der Besitzer, kaufte einen alten Wasserturm und stellte ihn mit einer Neigung von etwa 10° auf. Die Neugier liegt bei vielen Reisenden, um sich nach dem Grund für die Schräglage des Turms zu erkunden. Ein Werbegag also, der ziemlich gut auf ging.

Wir halten an einem riesigen Kreuz, gut 60m hoch, welches 1995 errichtet wurde. Es sollte ursprünglich eine große spirituelle Werbetafel sein. Den Grund: der Erbauer Steve Thomas ärgerten die vielen pornografischen Werbetafeln an der Interstate. Das Kreuz von Our Lord Jesus Christ Ministries ist keiner Kirche angeschlossen, hat keine feste Gemeinde. Man sollte sich die Zeit nehmen und sich diesen Ort ansehen. Friedlich, spirituell und wunderschön gestaltet.

Nicht weit hinter Groom liegt Conway. Eine kleine Geisterstadt. Hier eröffnete 1967 die Familie Crutchfield einen Laden. Damals war Conway eine blühende Stadt, die aber bereits zur Jahrtausendwende fast wieder verschwunden war. Die Familie rammte, inspiriert von der Cadillac Ranch, zu der wir später kommen, im Jahr 2002 5 VW Käfer – Bugs- in den Boden, um Aufmerksamkeit zu erregen und Kunden anzulocken. Aber – der Laden musste ein Jahr später endgültig schliessen.

„Is this the way to Amarillo?“  Ja, ist es! Wir nähern uns der Stadt aus dem berühmten Lied, sie liegt zufällig an der Route 66. Unser Stopp hier ist die Big Texan Steak Ranch. Eine Institution seit 1960, Motel und Steakrestaurant. Hier ist das Zuhause des wohl bekanntesten Esswettbewerbs – die 72 Unzen Steak Challenge. Wer ein  2kg Steak mit allen Beilagen unter einer Stunde verspeist, der bekommt sein Geld zurück! Auf der Internetseite kann man diese Challenge live verfolgen, über 90.000 Menschen haben es versucht, aber nur knapp über 10.000 haben es geschafft.

Und nein, wir haben die Challenge natürlich nicht gewagt! So früh am Tag muss es kein Steak sein. Aber ein zweites kleines Frühstück hatten wir schon im Sinn, wenn man mal da ist...

Lange rede kurzer Sinn: der Kuchen war richtig gut! Aber: der Kaffee war unterirdisch schlecht, der schlechteste, den wir in den USA bisher hatten. Dazu noch im Pappbecher, für solche einen bekannten Laden eher beschämend. Die Bedienung zwar sehr freundlich, dafür aber sehr sehr langsam. Aber noch einmal anhalten würden wir, vielleicht sogar bleiben. Denn die Steaks müssen außerordentlich gut sein – auch in kleinerer Form. Nett anzusehen ist das alles auf jeden Fall.

Wir fahren durch den Sixth Street Historic Dicstrict in Amarillo. Hier erinnern uns immer wieder Wandgemälde, Straßenschilder und Neonreklamen an die wohl berühmteste Straße der Welt. Ein Stopp bei Ivy Antiques, ein netter Plausch mit ihr und ihrer netten Enkelin und ein Foto zum Abschied.

Dann geht es weiter zur Cadillac Ranch. Spraydosen haben wir uns vorher im Walmart besorgt. Gut so, vor Ort nimmt ein pfiffiger Händler fast 20$ pro Dose!

Was wir mit Spraydosen wollen? Die Cadillac Ranch ist eine Kunstinstallation, die 1974 von Künstlern erschaffen wurde. Auf 7 bis zur Hälfte in den Boden eingelassenen Cadillacs kann und soll sich jeder verewigen, der es möchte. Lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Gut, dass aus dem Nebel von heute morgen strahlender Sonnenschein wurde, denn bei schlechtem Wetter ist die Cadillac Ranch ein riesengroßes Schlammfeld.

Zwischendurch werden die Cadillacs von ihrem Graffitti-Panzer erlöst und neu gestrichen. Sie sehen auch jeden Tag anders aus. Ob wir nochmal hingehen würden? Eher nicht! Klar, war mal nett anzusehen und zu erleben. Wir sind ja keine Umweltterroristen, aber zu sehen, wie Familien ihren Kinder zeigen, wie weit man leere Spraydosen in die Natur werfen kann und das dann auch noch lustig finden!? Geht gar nicht. Und viele sind nicht in der Lage, ihren Müll in die bereitgestellten Tonnen zu werfen. Aber das liegt wahrscheinlich an der Luft – wer sich da zu lange aufhält, ist wahrscheinlich benebelt von den Dämpfen.

Wir nähern uns langsam, aber stetig der texanischen Grenzen. Aber noch ist Zeit. Wir halten in Vega am Milburn Price and Culture Museum. Solche Stopps macht man, wenn man den Route 66 Passport hat. Sonst würde man vielleicht weiterfahren. Aber – hier hatten wir wirklich einen der herzlichsten Stopps. Ein junger Mann führte uns durch das kleine Museum, sichtlich stolz auf all die alten Memorabilia. Eine über 100 Jahre alte Druckmaschine ist noch in Betrieb, und wir sind die ersten, die einen Erinnerungsstempel auf unserer Fahne bekommen! Leider müssen wir irgendwann weiter, New Mexico wartet auf uns.

In Adrian wird die Route 66 geteilt. Genau der Mittelpunkt zwischen Chicago und Santa Monica. Ein schönes Gefühl, es schon so weit geschafft zu haben, aber auch ein bißchen Melancholie schwebt mit, denn wir haben nur noch die Hälfte vor uns. Den berühmten Kuchen, den es im Midpoint Cafe geben soll – haben wir nicht probiert. Der Plan war, dort ein spätes Mittagessen oder ein frühes Abendessen einzunehmen. Aber das Café war ziemlich voll, die Freundlichkeit liess ganz unamerikanisch zu wünschen übrig – wir haben uns auf den Aussenbereich konzentriert und sind weiter.

Schon vor der Grenze zu New Mexico beginnt sich die Landschaft zu verändern. Wirklich schön, die ersten roten Hügel tauchen auf. Wir verlassen die Interstate, die hier auch die Route 66 ist, und fahren durch den kleinen Grenzort Glenrio. Eine Stateline entdecken wir hier aber nicht. Auch wenn es ein wenig nach Geisterstadt aussieht - hier leben Menschen. Und nicht unbedingt in luxuriösen Häusern. Wir finden es einfach respektlos, das als Roadside-Attraktion anzusehen. Also geht es zurück auf die Interstate.

Und dann sind wir in New Mexico. Hier verläuft auch die Zeitgrenze. Wir sind jetzt in der Standard Mountain Time! Und haben eine Stunde dazu gewonnen.

Etwa 40 Meilen hinter der Grenze zu NM liegt Tucumcari, unser heutiges Ziel. Wir werden in einem der historischsten und schönsten Motels in den USA und an der Route 66 übernachten, dem Blue Swallow Motel. Es wurde 1940 eröffnet und 1993 in das National Register of Historic Places aufgenommen. Seit Juni 2020 wird es von Robert und Dawn Federico betrieben und erhalten. Die Zimmer sind gemütlich im Vintage-Stil der 40er und 50er Jahre erhalten, die Badezimmer haben den Komfort von heute und die Einrichtung von 1940. Es ist das einzige Motel mit Garagen für die Autos und Motorräder, es gibt einen großen Serviceraum ua mit einem 80 Jahre alter Kühlschrank, der immer noch treu seine Dienste leistet. Robert und Dawn sind perfekte Gastgeber, die mit Leib und Seele dieses wunderschöne Motel betreiben. Wir würden beim nächsten Mal 2 Nächte bleiben, um einfach mal den ganzen Tag diese tolle Atmosphäre zu genießen und gemütlich vor dem Zimmer sitzend mit Oldiemusik im Hintergrund das Treiben zu beobachten. Und am Abend unter den knisternden noch originalen Neonlichtern aus den 40ern Sonnenuntergang den erleben.

Wir machen noch einen kleinen Abendspaziergang durch Tucumcari – und suchen vor dem nahenden Gewitter Schutz in einer Pizzeria. Ok, wir haben noch nie so lange auf eine Pizza gewartet, dafür aber selten eine so gute gegessen, ganz ehrlich! Und es sollte das letzte Gewitter auf unserer Reise sein!

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