Route 66 - die Reise unseres Lebens
Das andere Las Vegas
Wir sind in New Mexico. Land der Verzauberung. Das Land der Verzauberung.
Und wir sind verzaubert. Viele einsame Landschaften, rote Felsen, Geisterstädte und grüne Bäume. Die Hauptstadt Santa Fe ist eine der sehenswertesten Städte der USA. Weil sie eben anders ist.
Unsere 1. Nacht in New Mexico war ruhig und wir verließen ein wenig wehmütig unser wunderschönes Motel. Ein Kaffee in der Morgensonne und dann heisst es Abschied nehmen von Dawn und Robert, den Besitzern des Blue Swallow Motel. Und wieder eine Menge Tipps im Gepäck für unsere Weiterfahrt. Das wir das Blue Swallow empfehlen, sollte klar sein. Wer hier nicht einfach versucht hat, ein Zimmer zu bekommen, der hat wirklich ein wichtiges Stück Historic Route 66 verpasst! Und wieder einmal zeigt sich: Vorbuchen ist ein Vorteil, wenn man nicht einfach "irgendwo" übernachten wöchte. Route 66 ist unserer meinung nach nichts für "schauen wir mal", sondern "gut geplant ist man spontaner". In einem Motel wie dem Blue Swallow zu übernachten ist einfach ein besonderes Erlebnis.
Wir fahren noch einmal durch Tucumcari und dann sind wir auf der nächsten Etappe. Ziel ist Santa Fe, die Hauptstadt New Mexicos. Sie liegt tatsächlich an den Ausläufern der berühmten Rocky Mountains und auf gut 2000m Höhe! Santa Fe ist der höchste Punkt auf unserer Fahrt über die Route 66. Vor uns liegen etwa 190 Meilen, wir haben einen Abstecher nach Fort Sumner geplant, zum Grab von Billy the Kid. Aber…den lassen wir dann später doch aus. Wie immer: Bei der Planung haben wir wieder die Entfernungen unterschätzt. Sieht auf der Karte immer so einfach aus, doch auch wenn wir nicht das erste Mal in den USA sind – tatsächlich sind schlanke 100 Meilen Umweg doch sehr zeitaufwändig. Das ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.
Aber einen Abstecher machen wir! Fest eingepflanzt auf dem Weg nach Santa Fe.
Wir fahren durch New Mexico und sind fasziniert von der Landschaft. Es fühlt sich teils an wie eine Wüste, ist es aber nicht. Eine Fahrt eben durch einsame Landschaften, früh morgens schon sehr warm und immer wieder kommt bei uns die Frage auf, wie es damals wohl war. Auf der Route 66. Ohne all den Komfort, den wir heute haben.
Und dann kommen wir in einen kleinen Ort namens Newkirk. Als 1901 die Eisenbahnstrecke herkam, erhielt die kleine Ansiedlung ihren heutigen Namen nach einem gleichnamigen Ort in Oklahoma, aus der einer der hiesigen Siedler stammte. Vorher hiess der Ort Conant nach einem der Bauern, der hier lebte. Newkirk blieb immer eine kleine Ansiedlung, trotz der Blütezeit der Route 66 in den 1940ern sank bereits die Einwohnerzahl. Bei der Volkszählung 2010 hatte Newkirk offiziell 7 Einwohner, viel mehr sind es heute wahrscheinlich auch nicht.
Aber immerhin gibt es eine eigene Postleitzahl und eine Tankstelle, in der es -wie in den USA üblich- eigentlich alles gibt, was man so zum Leben braucht. Eine typische Geisterstadt.
Warum gibt es eigentlich so viele Ghosttowns? Gerade an der Route 66? Die Geschichte der Städte ist eng mit der Eisenbahn verbunden, viele Orte wurden an der Strecke angesiedelt erlebten dadurch eine kurze Blütezeit durch die Nähe zu Durchreisenden. Gefolgt von einer Pleite, die eng mit dem Bau der Interstate verknüpft ist. Und dann zogen die Menschen weiter, um woanders Arbeit und Heimat zu finden. Irgendwie ein ewiger Kreislauf des Lebens.
Auch Cuervo, durch das wir fahren, ist eine Geisterstadt. Immerhin offiziell 58 Einwohner. Aber seit dem Wegfall des Postamtes 2011 verlor Cuervo seine Rechtsfähigkeit.
Diese Geisterstädte haben gleichzeitig etwas Melancholisches, aber auch Unheimliches. Im Dunkeln möchten wir hier lieber nicht durchfahren...
Es geht weiter nach Santa Rosa. Vorher hätten wir eigentlich Richtung Fort Sumner abbiegen müssen, um zum Grab von Billy the Kid zu gelangen. Aber – den Plan verwerfen wir. Der Umweg würde uns einige Zeit kosten, und wir haben so schon noch gut 150 Meilen vor uns. Und wir wollen nicht erst spät abends in Santa Fe, unserem heutigen Ziel ankommen.
Also rein nach Santa Rosa, das größer ist, wie wir dachten und ein Stopp am Route-66-Auto-Museum. Nett, aber ein Stopp ist unserer Meinung nach nicht unbedingt erforderlich. Wieder einmal viele Autos, irgendwann hat man sich doch sattgesehen. Und es ist schon ziemlich heiss, da freuen wir uns auf ein kühles Bad. Hier in Santa Rosa ist nämlich das Blue Hole, eine Attraktion an der Route 66. Das Blue Hole ist ein Natursee, der zwar nicht groß, aber tief ist und klares, leuchtend blaues Wasser haben soll. Also machen wir uns auf die Suche. Ok, es ist ausgeschildert…aber wir sind enttäuscht und kommen erst gar nicht hin! Bzw wollen gar nicht mehr hin: Der Eintritt ist zwar kostenlos, aber am Wochenende darf man fürs Parken 10$ bezahlen! Für einen Aufenthalt von vielleicht einer Stunde? NEIN! Wir sind in der Hinsicht nicht geizig, aber abzocken lassen wir uns nicht. Pech halt, das wir an einem Freitag hier sind. Gestern wäre es noch kostenlos gewesen...Da ist man schon clever, die Sache mit Angebot und Nachfrage halt. Wenn schon am Wochenende mehr los ist, kann man direkt mal ein paar Dollar extra kassieren. Wir haben ein bisschen die Nase voll von Santa Rosa, besonders sehenswert finden wir die Stadt sowieso nicht. Also auf zu dem Ort, auf den wir uns wirklich freuen: Las Vegas! Ja, richtig! Aber wir machen jetzt keinen Umweg nach Nevada, hier in New Mexico gibt es auch ein Las Vegas! Also bei der Buchung aufgepasst!
Wir haben knapp 70 Meilen vor uns, aber die ziehen sich. Zwar durch schöne Landschaften, doch es wird immer einsamer. Wir freuen uns schon, wenn wir mal ein anderes Auto sehen. Das Fahren in den USA ist sehr komfortabel: Grundsätzlich Automatik, man stellt einfach den Tempomat ein und lässt fahren. Bremsen und ja, auch auf den schnurgeraden Strecken darf man mal etwas lenken. Aber ich persönlich finde es auf diesen langen Strecken auch ermüdend. Da sind wir hier in Europa anders gewohnt.
Und dann sind wir plötzlich da. Las Vegas, New Mexico. Und wir persönlich finden: das schönere Las Vegas. Immerhin bereits 1835 gegründet und eine wichtige Zwischenstation auf einer historischen Handelsroute, dem Santa-Fe-Trail. Es ist wahnsinnig heiß, also begnügen wir uns mit einer kleinen Stadtrundfahrt und aufgedrehter Klimaanlage. Blöd, dass wir nicht bis zum Bahnhof gefahren sind, der sehenswert sein soll. Haben wir aber erst hinterher erfahren.
Und wir haben Hunger. Wer denkt, dass in den USA an jeder Ecke irgendwelche Fast-Food-Ketten ihre Zelte aufgeschlagen haben, wird spätestens hier eines besseren belehrt. An der Plaza hat nur ein kleines, unscheinbares Café geöffnet. Nicht viel los, dachten wir, doch weit gefehlt. Der kleine Innenraum war voll, viele haben ihr Mittagessen zum Mitnehmen geholt. Ein netter junger Mann bemerkte uns und rief uns zu, wir sollen draussen Platz nehmen, er würde gleich kommen. Und ehrlich: Wir haben einen der besten, frischesten Snacks genossen! Deutsche gibt es hier wohl auch nicht allzu oft und der junge Mann, blöderweise haben wir nicht nach seinem Namen gefragt, hat sich nach dem Ansturm kurz zu uns gesetzt und uns ein wenig über Las Vegas erzählt. Schade, dass wir irgendwann weitermussten. Wir haben uns ausgesprochen wohl gefühlt und wer jemals nach Las Vegas, NM kommt: in Olivias Cafe einkehren!
Von Las Vegas geht es nach Santa Fe. Erstmal gut 30km zurück und dann Richtung unseres heutigen Ziels. Eine schöne Landschaft, aber ehrlich, die Hitze schlaucht einen und wir wollen endlich ankommen.
Santa Fe wurde bereits 1607 gegründet und ist die Hauptstadt von New Mexico. Und eine der sehenswertesten Städte der USA. Ganz anders als alle anderen Städte, es gibt hier keine Hochhäuser. Hier sticht vor allem der Adobe-Baustil hervor. Traditionell sind die Gebäude in warmen Erdtönen gehalten und aus luftgetrockneten Lehmziegeln erbaut. Auch das Capitol Building. Es hat keine Kuppel und wird als Roundhouse bezeichnet, das einzige Capitol Building in den USA mit Flachdach. Santa Fe hat Charme, ein südländisches Flair und eine besondere Atmosphäre.
Auch wenn es hier auf gut 2000m Höhe auch am Abend noch wahnsinnig heiss ist: Wir genießen unseren Spaziergang durch den Historic District.
Der Stadtpatron ist übrigens Franz von Assisi, manch einem sagt der Name etwas. Und nach ihm ist die imposante Kathedrale in der Innenstadt benannt. Rein konnten wir leider nicht mehr, aber sie soll sehr sehenswert sein. Dafür haben wir uns am metallenen Türgriff ein wenig die Finger verbrannt...
An der Plaza steht der Palast der Gouverneure. Etwas unscheinbar, aber immerhin das älteste öffentliche Gebäude der USA.
Ein Abendessen gab es im Plaza Cafe Downtown. Das Restaurant ist eine klare Empfehlung! Viel Hunger hatten wir bei der Hitze nicht. Burger & Co jeden Tag muss auch nicht sein. Unser Kellner empfahl uns die hausgemachte Frito, typisch mexikanisch, etwas scharf. Ok, sehr viel etwas scharf! Dazu ein regionales IPA. Wow! Die perfekte Mischung! Und erfrischend! Trotz scharf. Man sollte ab und an auf die Einheimischen hören!
Derart verwöhnt machen wir einen Spaziergang zurück zu unserem Motel. Vorbei an vielen schönen Gebäuden und mit einem grandiosen Sonnenuntergang. Santa Fe gefällt uns. Anders als die bisherigen Städte. Das macht es aus. Morgen geht es weiter. Leider. Wir wären gern noch einen Tag länger hier. Aber das wir morgen schon abreisen ist eigentlich nicht ganz verkehrt. Warum, das werden wir im nachhinein morgen erfahren. Viel könnten wir nämlich nicht besichtigen und auch nicht so frei bewegen wie heute…