Route 66 - die Reise unseres Lebens
Auf den Spuren von Abrahma Lincoln
Nach einer herrlich erholsamen Nacht machen wir uns auf den Weg. Erstmal ein wenig Sightseeing in Springfield, die Stadt gehört uns fast allein. Herrlich, dieses Early-Bird-Sightseeing, wie wir es jetzt nennen.
Springfield hat eine weitere Besonderheit: es ist die einzige Hauptstadt mit 2 Capitol-Gebäuden. Direkt gegenüber des Old State Capitol hatte Lincoln seine Anwaltskanzlei und hier gab er 1858 seine Präsidentschaftskandidatur bekannt. An gleicher Stelle tat dies im Übrigen auch im Jahr 2007 Barack Obama.
Da wir Memorial Day haben (immer am letzten Montag im Mai und ein bundesweiter Feier- und Gedenktag in den USA) ist das Capitol Building geschlossen. Genauso wie das Illinois State Capitol, das seit 1877 dem Kongress von Illinois als Sitz dient. Es ist übrigens das höchste State Capitol der USA, mit einer Höhe von gut 110m.
Aber wir finden genau den Punkt in Springfield, an dem man einen Blick auf beide Capitols gleichzeitig hat.
Gleich in der Nähe befindet sich der historische Bahnhof von Springfield. Hier bestieg Lincoln am 11. Februar 1861 den Sonderzug, der ihn nach Washington brachte. Lebend kehrte Lincoln nicht mehr nach Springfield zurück.
Wir haben für heute noch etwas anderes vor, als Sightseeing in Springfield.
Wir verlassen die Route 66 und es geht nach Arthur, IL. Eine kleine Landpartie durch Illinois, aber nicht ohne Grund.
2018 haben wir am Grand Canyon junge Leute einer amischen Gemeinde kennengelernt. Sie fallen sicher durch ihre Kleidung ins Auge, sind aber genauso interessiert an Land und Leuten wie wir. Unheimlich nette Menschen. Für uns irgendwie anders, aber unterm Strich genauso normal wie du und ich. Sie sprachen uns damals an, weil wir uns natürlich auf Deutsch unterhalten haben.
Wir haben uns etwas näher mit dieser Lebensform befasst, kurz und knapp: Die Amishe sind eine täuferisch-protestantisch-christliche Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln vor allem in Süddeutschland und in der Schweiz liegen. Sie leben stark nach Glaubensprinzipien, Kleidung und Haartracht bringen den Glauben zum Ausdruck. Es gibt viele Ordnungen, doch allen zugrunde liegt wohl, dass sie ein angenehmes, von Arbeit geprägtes und demütiges Leben führen. In einigen Ordnungen sind Elektrizität, Internet und Autos tabu. Alles zu erklären, dazu fehlt uns vor allem das Wissen, denn es ist ein recht komplexes, aber zumindest für uns auch ein sehr interessantes Thema.
Amishe leben nicht fernab von den amerikanischen Mitbürgern, sie leben miteinander und wir haben festgestellt, dass es in Illinois einige Gemeinden gibt. So fahren wir heute nach Arthur, einem kleinen Dorf in East Central Illinois und etwa eine halbe Stunde von größeren Städten entfernt. Die Gemeinde ist sehr stolz auf ihr Motto „You're A Stranger Only Once“ und das haben wir erleben dürfen. In dieser Gegend leben in erster Linie Amishe alter Ordnung. Sie sprechen untereinander das sogenannte Pennsylvaniadeutsch.
Bei der Planung kann es nicht schaden, solche „Kleinigkeiten“ wie Feiertage zu berücksichtigen. Haben wir nicht, schön blöd. Natürlich hat heute auch in Arthur alles geschlossen, so wurde dann nichts aus dem Bummel durch Geschäfte und über einen Markt, mit all den amishen Leckereien.
Wir laufen trotzdem ein wenig durch die Strässchen und uns fällt auf: hier ist es sauber, gepflegt und…so friedlich. Die Menschen, die uns auf ihren Kutschen oder zu Fuss begegnen, rufen uns Fremden winkend ein fröhliches „Hello, how are you?“ zu. Auch untereinander geht man freundlich und respektvoll miteinander um. Ja, wir haben das Gefühl, ein Stückchen heile Welt entdeckt zu haben.
Zum Essen ging es in ein amishes Restaurant. Ein spezielles amishes Essen gibt es wohl so nicht, aber die besondere Sauberkeit im Restaurant fällt sofort auf und die Speisen, einfach und nahrhaft, werden wirklich mit hochwertigen, teils selbst angebauten Zutaten zubereitet. Da legt man viel Wert drauf und das merkt man.
Wir werden auch im Restaurant herzlich begrüsst und zu unserem Tisch gebracht. Touristen gibt es hier nicht allzu oft, wie man uns erklärte. Wir wurden zurückhaltend, aber neugierig beäugt, traf man einen Blick, bekam man ein herzliches Lächeln geschenkt.
Das Essen war wirklich sehr sehr gut. Und was uns besonders gefiel: hier wurde man nicht nach dem letzten Bissen mit der Rechnung „hinauskomplimentiert“, wie sonst in den USA üblich. Hier wurde nach dem Essen gemütlich beisammen gesessen und sich unterhalten. Da merkt man den europäischen Schlag.
Irgendwie hat man bemerkt, daß wir uns auf Deutsch unterhielten. Und das hat sich wohl rumgesprochen. Obwohl die Amishe sehr zurückhaltende Menschen sind, waren wir plötzlich so etwas wie eine kleine Attraktion. Touristen sind, wie schon erwähnt, sehr selten hier. Aber Touristen aus Deutschland sind noch seltener bis nie hier in der Gegend. Anfangs war uns das etwas unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen. Aber die Amishe sind so nette und liebenswerte Menschen, daß wir uns schnell wohl gefühlt haben. Es gab Kaffee und hausgemachten Kuchen und ja, wir wurden wie Familienmitglieder behandelt. Eine tolle Erfahrung. Viele Amishe sind ursprünglich deutschstämmig und da war die Neugier natürlich groß. Einige sprachen sogar recht gut deutsch, und als wir das sagten, waren sie schon etwas stolz.
Irgendwann mussten wir uns leider verabschieden, wir mussten ja weiter, besser gesagt zurück nach Springfield. Auf dem Parkplatz standen einige der Pferdekutschen, mit denen die Amishe fahren. Da ist man schon ein wenig stolz drauf und wir wurden gebeten, doch ein paar Fotos zur Erinnerung damit zu machen. Sicher würden wir diese Gefährte nicht so häufig sehen. Das stimmt ja auch.
Aber der Tag würde uns auch so in lieber Erinnerung bleiben.
Im Übrigen ergänzt jetzt ein Buch mit tollen Rezepten der Amishe unsere Sammlung an Kochbüchern.
Warum wir dort nicht mehr Aufnahmen gemacht haben bzw nicht mehr zeigen?
Wir haben uns im Vorfeld informiert, denn wir möchten Menschen mit anderer uns fremd wirkender Lebensweise nicht durch falsches Verhalten brüskieren. Deshalb haben wir ganz bewusst darauf geachtet, möglichst keine Aufnahmen von ihnen zu machen. Sie sind Menschen wie du und ich, sehr liebenswert und freundlich. Aber keine Ausstellungsobjekte.
Wir fahren noch ein kleines Stück weiter nach Arcola, dem eigentlichen Eingang zum Illinois Amish Country.
Arcola ist als Besenkorn-Hauptstadt bekannt, aus einer Tonne Besenmais können 80-100 Dutzend Besen hergestellt werden. Eine beachtliche Menge. Heute noch wird jedes Jahr in Arcola das sog. Broomcorn-Festival gefeiert. Aber Arcola ist wie leergefegt, deshalb machen wir uns auf den Rückweg nach Springfield.
Zurück geht es nicht gerade über Stock und Stein, aber fast. Wir wollten natürlich eine andere Route wie den Hinweg fahren, schliesslich wollen wir was sehen. Und das haben wir. Felder. Und noch mehr Felder. Kleine Sammlungen von Häusern. Und noch mehr Felder. Das ist auch Illinois, zumindest in diesem Bereich.
Und dann sind wir auch schon wieder in Springfield.
Wir haben noch eine kleine Rundfahrt gemacht, einige Sehenswürdigkeiten der Route 66 abgeklappert. Unser Abendessen wollten wir eigentlich im berühmten Cozy Dog Drive-Inn einnehmen. Aber…auch hier ist heute an Memorial Day geschlossen.
Also gibt es einen Snack aus dem benachbarten Supermarkt im Hotel. Und dann fallen wir auch ziemlich erschlagen von diesem aussergewöhnlichen aber schönen Tag ins Bett.
Leider haben wir nicht alle Sehenswürdigkeiten geschafft. Aber wer weiß…wir würden gerne noch einmal herkommen. Springfield gefällt uns.