Route 66: Drei-Staaten-Tour & heiße Öfen

Route 66 - die Reise unseres Lebens

Drei-Staaten-Tour und heisse Öfen

Was für eine Nacht! Nach unserer langen Anreise gestern und einem ersten Überblick über Chicago vom Hancock Tower sind wir hundemüde ins Bett gefallen. 

Nach gefühlten 5 Minuten Schlaf, tatsächlich waren es aber schon gut 2 Stunden, reisst uns ein ohrenbetäubendes Pfeifen aus dem Schlaf. Noch vollkommen orientierungslos dachten wir, der Wecker im Zimmer schrillt noch vom vorherigen Bewohner. 

Wie wir dann etwas klarer waren und nach einem Blick auf den Außenlauf -wir wollten ja andere Gäste nicht wecken, haha- stellten wir fest: das war der Brandmelder! FEUERALARM! Und zwar im kompletten Motel! Alle Gäste waren schon draußen und wir gesellten uns dann auch dazu. Merkwürdig, außer uns war irgendwie keiner sonderlich aufgeregt. Es lief alles sehr ruhig und geordnet ab.

Als dann zwar mit Sirenen und Blaulicht aber äußerst gemächlich ein Feuerwehrwagen vorfuhr, sprangen 2 Beamte heraus und liefen sichtlich wütend direkt zum Nachtportier. Höflich aber merklich genervt fragten sie ihn „ob der Kerl schon wieder im Zimmer geraucht hat“. Der antwortete nur mit einem entschuldigenden Schulterzucken. 

Da war uns klar, es ist nichts Ernstes. Das kommt wohl häufiger vor. In den USA gibt es in den Motels auch Dauergäste und dieser hier schien schon bekannt zu sein. Nicht auszudenken, wenn wirklich mal was passiert. Hoffentlich wird das dann von allen Beteiligten dann auch als Notfall wahrgenommen. Jedenfalls waren die Brandmelder schnell wieder ruhig und wir durften weiterschlafen. Und zwar tief und fest und diesmal ohne weitere Störung. 

Trotzdem  waren wir früh wach, sehr früh. Wir sind sowieso schon keine Langschläfer und der Jetlag spielt da natürlich auch noch eine kleine Rolle. Und Jetlag bekämpft man am besten mit Ignoranz und Ablenkung. Und einem guten Kaffee. 

Das Wetter lässt etwas zu wünschen übrig, aber der Plan für heute steht. Da Chicago mehr oder weniger fast in einem Dreiländer-Eck liegt, werden wir gleich mal zwei Staaten auf unserer Bucketlist abhaken. Einmal in jedem Staat, Ihr erinnert Euch? Also auf zu einem kleinen 3-Staaten-Trip.

Chicago liegt ja bekanntlich in Illinois. Einmal quer durch Chicago geht es etwas süd-östlich nach Indiana. East Side ist eines von 77 Stadtvierteln, die zu Chicago gehören und grenzt an Indiana. Und nördlich von Chicago geht es nach Wisconsin.

Wir starten unsere Tour aber mit einem ersten Sightseeing-Punkt. Wer von Chicago nicht viel weiss, wird aber sicher eines der berühmten Wahrzeichen kennen. Buckingham Fountain. Das ist dieser riesige Brunnen, der im Vorspann zu der populären US-Sitcom „Married with children“ zu sehen ist. Die spielt nämlich hier in Chicago, und wir haben herausbekommen, wo das Haus von Al Bundy steht. Das wurde aber nur für Außenaufnahmen genutzt, die Innenaufnahmen sind im Studio entstanden. Es steht auch nicht in der Jeopardy Lane, die gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Auch der kleine Ort Deerfield, wo man das Haus findet, gehört ganz streng genommen nicht zu Chicago, aber immerhin zum gleichen County. Und da fahren wir jetzt hin.

Deerfield ist tatsächlich eine kleine Vorstadt mit Stand 2020 etwa 20.000 Einwohnern und gehört zu den wohlhabendsten Ortschaften im Mittleren Westen. Das ahnt man vielleicht nicht unbedingt, wenn man die Serie kennt. Ein hübsches Örtchen, wie wir es mögen. 

Al Bundys Haus steht in einem wirklich schönen Wohnviertel und ist in Privatbesitz. Deshalb begnügen wir uns auch mit ein paar Fotos aus dem Auto heraus. In der Einfahrt stand auch kein schrottreifer 74er Dodge und der Herr, der uns durch das Bild huschte, war auch nicht Al Bundy.

Das Einkaufszentrum, in dem sich der Schuhladen befand, in dem Al Bundy seinem frustierenden Job nachging, ist schon lange geschlossen und stand in einem Viertel von Chicago, was nicht als das beste galt. Das haben wir also nicht besucht.

Für uns geht es jetzt weiter Richtung Indiana. Aber nicht ohne einen weiteren, besonderen Halt. 

In Chicago lebte ja nicht nur fiktiv Al Bundy, sondern hier lebte in Wirklichkeit und in persona ein weiterer Al. Kein geringerer als der berühmt-berüchtigte Mr Alphonse Capone kontrollierte als Boss die Chicagoer Unterwelt und verdiente sein Geld mit fragwürdigen und illegalen Geschäften. Sicher mit am bekanntesten ist der illegale Alkoholhandel während der Zeit der Prohibition. 

Al Capone besass in Chicago viel Macht und Einfluss…und er ist auch hier begraben. Der Mount Carmel Cemetary in Hillside, einem Vorort von Chicago ist also unser nächstes Ziel.

Für uns war es erstmal sehr ungewöhnlich, mit einem Auto über einen Friedhof zu fahren. Ist in Deutschland nicht gerade üblich. Aber wie so vieles in Amerika ist auch ein Friedhof meisst riesengross, fast wie ein eigener kleiner Ort. Sogar mit Strassennamen. Das allein ist schon wahnsinnig imposant und wir sind mal wieder erschlagen von diesem Eindruck. Aber es ist interessant, diese teils sehr monumentalen Gräber zu sehen.

Und dann finden wir das Grab der Familie Capone. Von wem die Blumen und Geschenke auf den Gräbern sind, wissen wir nicht. Es leben ja heute noch Mitglieder der Familie. Aber das Grab ist tatsächlich auch fast ein Pilgerort, so wie wir wollen viele Menschen einmal hier stehen. Es ist schon ein kleiner Gänsehautmoment. Aber es ist immer noch ein Friedhof und so machen wir ruhig und respektvoll ein paar Bilder und ziehen weiter.

Aber jetzt geht es wirklich nach Indiana. Quer durch die Viertel von Chicago. Autobahnen wollen wir weitestgehend vermeiden. Aber wir kommen nicht nur durch schöne Ecken.

Und dann hat uns das Navi erstmal zum falschen Schild gelotst. Naja, nicht wirklich falsch, was wir nicht bedacht haben: "Welcome to Indiana", blöderweise hing das Schild aber über der Interstate. Und da waren wir nicht unterwegs. Erstens mautpflichtig, zweitens wollen wir ja auch was sehen unterwegs. Das Schild also nicht wirklich selfietauglich und einen Kaffee brauchten wir auch noch, sonst zählt der Staat ja nicht. Wir befinden uns hier in einem Wohngebiet in Lansing, einem südlichen Vorort von Chicago und ehrlich: hier wollten wir auch keinen Kaffee trinken. Wir würden es nicht als Ghetto bezeichnen, aber man konnte fast spüren, dass hinter den Gardinen genau geschaut wurde, was wir denn da so machen. 

Wir haben uns also bewaffnet mit dem Navi mehr oder weniger an der Grenze Illinois/Indiana entlang getastet. Mal rechts, mal links, mal geradeaus und dank einer Baustelle zweimal im Kreis. Wir werden schon noch ein Schild finden. Und das haben wir kurz vor dem Lake Michigan. Und im Prinzip schon auf dem Weg zurück nach Chicago. Gegenüber ein McDonald, da gab es unseren Kaffee. Aber Stop! Der McD liegt in Illinois! Also rüber hinter das Schild, den Kaffee ganz offiziell in Indiana getrunken und dann...das Selfie zum Beweis. Indiana ist fertig, wenn auch etwas unkonventionell.

Von hier geht es jetzt über die 41 mehr oder weniger direkt am Lake Michigan entlang. Und dabei kreuzen wir die Viertel, die für Kriminalität und Schiessereien bekannt sind. Ein wenig mulmig ist uns ehrlich gesagt schon, aber wir fahren ja im Hellen und diese eher unschöne Gegend hat nichts, was wirklich zum Anhalten einlädt. Wir lassen diese Ecke Chicagos auch schnell hinter uns und geniessen den Blick auf das türkisblaue Wasser des Lake Michigan. Näher als auf diesem Abschnitt kommt man mit dem Auto kaum dran. Mittlerweile ist es ein ziemlich hohes Verkehrsaufkommen, die Fahrt trotzdem übersichtlich und entspannt. Selbst als wir durch eine ziemlich große Baustelle dann doch lieber auf die Interstate fahren, um dem aufkommenden Stau zu entkommen. Für die drittgrösste Stadt der USA schon erstaunlich! Wir kennen es schlimmer, auch in weniger oder vergleichbar großen Städten.

Wir fahren immer weiter nördlich und kurz hinter Chicago wird auch der Verkehr immer weniger. Und plötzlich sind wir auch schon in Wisconsin. Natürlich ein Stopp am Visitorcenter für das obligatorische Foto und weiter Richtung Milwaukee.

Auf den Kaffee verzichten wir, denn den werden wir sicher irgendwo in Milwaukee bekommen. Das ist nämlich unser nächstes Ziel.

Warum Milwaukee? Im Jahr 1903 wurde dort die Harley-Davidson Motor Company gegründet. Nein, wir sind keine Biker. Aber diese Maschinen sind für uns trotzdem das Nonplusultra, wenn es um Motorräder geht. Faszination pur. Also WÄREN wir Biker, käme uns nur ne Harley ins Haus. Punkt. In den USA wird die Biker-Kultur sowieso ganz anders gelebt wie in Deutschland. 

Kein prolliges Gepose mit rücksichtslosem Gerase. Nein, dort wird die Fahrt genossen, ein Lebensgefühl gelebt. Gegenseitige Rücksichtnahme und so. In Germanien ja meist ein Fremdwort.

Das Harley-Davidson-Museum kann man kaum beschreiben, das muss man gesehen haben. Irre. Also wer mal in der Nähe ist, der sollte sich wirklich die Zeit nehmen! Da geht nicht nur einem Biker das Herz auf!

Unsere Karten hatten wir Anfang 2020 schon gekauft, aber -typisch USA- die waren noch gültig und obendrauf haben wir sogar den electric Guide umsonst bekommen, einfach, weil wir es endlich hierher geschafft hatten. Und der Guide war sogar auf deutsch. Aber ehrlich gesagt – wir waren so geflasht von dem, was wir gesehen haben, da haben wir gar nicht mehr zugehört.

Es wurde Zeit für unseren Wisconsin-Kaffee und für den gab es keinen besseren Platz als hier in der Bar am Harley-Davidson-Museum. Und nach dem Sturm auf den Souvenir-Shop geht es weiter Richtung Downtown Milwaukee. Ziemlich leer, wie so Downtowns häufig sind, aber wir wollten zum Riverwalk. Restaurants, Cafe, schönes Ambiente. So zumindest die Verheißungen in Prospekten und online. Und...nichts davon! Vielleicht lag es daran, daß wir vor dem Memorial Day dort waren. Oder daß kein Wochenende war. Keine Ahnung. Tatsächlich haben wir ein Restaurant entdeckt, das hatte aber zu. Also sind wir nur ein bissel rumspaziert, haben festgestellt, daß Milwaukee ganz nett anzusehen ist, aber ein wenig enttäuscht waren wir schon. 

Da wären wir vielleicht doch besser am Harley-Davidson-Museum geblieben und hätten die Atmosphäre dort noch ein wenig genossen. Aber wir wollten ja was sehen.

Wir mussten noch einkaufen. Für unseren Roadtrip und Hunger hatten wir auch. Also den nächsten Walmart gegoogelt. Wir lieben diese Superstores. Man bekommt dort eigentlich alles, dazu noch gute Preise, immer sauber und aufgeräumt, hilfsbereite und freundliche Mitarbeiter sowieso. Und dann sind wir in dem dreckigsten, chaotischsten und unsortiertesten Laden ever gelandet. Die Gegend war auch ein wenig gruselig und der Dunst von Wheed zog über den gesamten Parkplatz. Wir haben dann aber mal nachgelesen, wir sind nicht in einer NoGo-Area gelandet, da ist das einfach so. Naja. Angenehm ist anders. Also…nur das besorgt, was unbedingt notwendig war und zurück Richtung Chicago. Langsam wurde es dunkel und der Jetlag meldete sich dann auch schon wieder. 

Unterwegs haben wir an einem Wendy’s Halt gemacht und wirklich gute Burger gegessen. Und sind Fans der hauseigenen Limonade dort geworden. 

Zurück im Motel gab es für uns dann nur noch eines: ab ins Bett!

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